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Wer es wissen will : Kirchenraum und Geschichte der Gemeinde

Kirchenräume: Die Barsbüttler Kirche

Segenskirche © Marisa Frank
Segenskirche

"Gut, dass sie nicht so groß ist!" höre ich oft. Man findet sich auf Anhieb in ihr zurecht. Sie hat nichts zu verstecken; auf einen einzigen Blick von hinten nach vorn kann man alles erfassen. Es ist selbstverständlich ein sakraler Raum, in dem man sich befindet, aber der Eindruck drängt sich doch nicht auf. Eher lässt das Ganze an ein geräumiges Wohnzimmer denken; der Teppichboden passt dazu, und auch der völlig bekleidete Christus am Kreuz.

Ganz schnell stellt sich ein Gefühl von Geborgenheit ein. Aber nun nicht wie in einem Nest oder einer Höhle; nicht im Sinn einer verschworenen Gemeinsczhaft, die sich gegen die Außenwelt abschirmt. Durch die vielen großen Fenster zu beiden Seiten fällt viel Licht ein. Der Blick nach draußen bleibt unverwehrt. Und draußen, da ist die Nachbarschaft, und die Kirche ist selbst ein Haus dieser Nachbarschaft: nur ein wenig größer, nur ein wenig schöner.

Kirchenräume lassen sich lesen wie Bücher. Gewiss, das Entscheidende bleibt unlesbar: dass Gott oft dort war, und dass sein Wort dort wirkte, ist allenfalls an der halb unbewussten Ehrfurcht abzulesen, die wir spontan empfinden. Gebete färben nicht ab, und auch der Segen hinterlässt keine greifbaren Spuren. Aber der Kirchenraum hat selber seine Botschaft. Wir erfahren, wie die Menschen, die ihn zuerst gewollt und geplant, gebaut und ausgestattet haben, dachten, fühlten und glaubten. Wie sie sich Gott vorstellten, und wie die Gemeinschaft der Heiligen. Das ist in jedem Fall ein kostbares Vermächtnis.

Und wenn wir uns zu verschiedenen Zeiten in dem Raum aufhalten, uns mal hier, mal dort hinstellen oder hinsetzen und uns lange genug umschauen, bringen wir es wieder zum Sprechen. Wer als Tourist in die Barsbütteler Kirche kommt, um sie zu besichtigen, wird enttäuscht sein. Da gibt es nichts, was einen längeren Weg wert wäre. Unter ästhetischen Gesichtspunkten wird einiges sogar Anstoß erregen (etwa auf die Kombination von knallgrüner Holzdecke und türkisfarbenen Bänken muss man erst einmal kommen!). Kaum etwas für die Gegend oder die Erbauungszeit Typisches lässt sich erkennen. In einer so konservativen, "zeitlosen" Formensprache hätte ebenso gut in den 20- oder 30iger Jahren

gebaut werden können. Aber derselbe Besucher würde doch ins Nachdenken und Staunen kommen, wenn er erführe, wie sehr diese Kirche von den Einheimischen geliebt wird, alten und neuen und auch denjenigen, die nicht mehr hier wohnen und doch immer wieder zurückkehren zu "ihrer" Kirche. Für die evangelischen Barsbütteler ist ihre Kirche wohl die schönste überhaupt. Auch wenn das Innere, zugegeben, mittlerweile ein wenig abgenutzt aussieht ("abgeliebt" wie die Stofftiere unserer Kindheit). Das macht nichts: nach wie vor spiegelt die Kirche die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen hier am Ort wider und ist offenbar genau diejenige, die gebraucht wird.

 Diese Kirche will offensichtlich ein Stück Heimat sein (dazu muss man gar nicht wissen, dass sie hauptsächlich von Heimatvertriebenen erbaut wurde). Mit den sehr bescheidenen Mitteln, die man hatte, wurde etwas Grundsolides errichtet, kein Provisorium. Man wollte hier nicht wieder weg. Auch die Möblierung ist entsprechend: schlicht, aber würdevoll (schwarz, mit roten Rändern abgesetzt) und ziemlich schwer. Der Altar und das Lesepult stehen ganz fest, und die Kanzel, der Gedenkbuchständer und die Taufe verjüngen sich nach unten und sollen (so vermute ich) wie mit der Spitze eines Pfeils auf die Erde zeigen, den festen Boden, den man unter den Füßen haben und behalten möchte. Kein Wunder, dass da nichts Zeltartiges ist, wie in vielen anderen Kirchen derselben Zeit; die biblische Vorstellung vom wandernden Gottesvolk konnte hier nicht zum Tragen kommen.

Wenn die Form unserer Kirche mich an irgendetwas erinnert, dann am ehesten an einen Reliquienschrein. Doch darin werden nun keine heiligen Gebeine oder dergleichen aufbewahrt, sondern das Wertvollste, was wir haben, der größte Kirchenschatz: die Menschen selbst. Und die sollen sich gut darin aufgehoben fühlen, ohne alle theologischen Ansprüche. Bis auf einen: das Schmuckstück unserer Kirche, das runde Fenster über dem Altar. Aber es hat einen guten Sinn, alle Theologie gerade auf dieses eine Bild zu reduzieren: den Heiligen Geist, wie er in Gestalt einer Taube im Lichtstrahl zu uns herunterkommt.

Stefan Kramer

 

 

Kirchengemeinde Barsbüttel - wie es war

© M. Frank

          Ein sichtbares Zeichen der Religiosität sind die Kirchenbauten. Wie anders als mit einem festen Glauben sind die verschiedenen, teilweise unter größten Anstrengungen errichteten Gotteshäuser zu verstehen, als ein in Stein manifestierter Glaube. Allein in der vom Christentum geprägten Welt finden sich zahlreiche Belege dafür: Die Kathedrale von Chartre, das Straßburger Münster sind mehr als nur Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst. Gleiches gilt für die Basiliuskathedrale im Kreml in Moskau, sie ist für sich schon zum Symbol für Rußland geworden. Als im 19. Jahrhundert der Kölner Dom nach Jahrhunderten endlich fertig gestellt wurde, haben amerikanische Ingenieure daran die alte Kunst des Hochbaues erlernt, die sie dann an den Wolkenkratzern in New York vervollkommnet haben.

 

           In Anbetracht so vieler großartiger Leistungen unserer Vorfahren stellt sich die Frage, wie denn nun die Welt unserer Vorväter überhaupt aussah? Anders als in unserer Zeit war der Glaube ein zentrales Thema im Leben der Menschen. Die Suche nach dem Seelenheil war für Viele ebenso bedeutsam wie das tägliche Brot. So war zum Beispiel die mittelalterliche Gesellschaft pyramidenförmig gegliedert. An der Spitze, weil sie Gott am nächsten standen, war die vergleichsweise kleine Gruppe der Kleriker zu finden, also Priester, Mönche und Nonnen. Sie sorgten für das Seelenheil aller Christen. An zweiter Stelle stand der Adel bzw. die Ritter. Sie boten dem 1. Stand (Klerus) und dem 3. Stand (Bauern und Bürger) Schutz. Dann folgte die große Masse der Bauern und Bürger, die durch ihre Arbeit sich und die beiden anderen Stände mit allem versorgten was zum Leben nötig war . Die Kirchspiele dienten auch als Verwaltungsgrundlagen für die weltliche Herrschaft im Mittelalter und der Neuzeit. So bildeten in Holstein und in Stormarn mehrere Kirchspiele die Grundlage für eine Burgvogtei,

 

          Die Jahre der Reformation, wir erinnern uns an Luthers Thesenanschlag von 1519, lösten eine Lawine von Veränderungen aus. Neben der katholischen Kirche etablierten sich nun auch Lutheraner, Calvinisten, Anglikaner, Mennoniten, Presbyterianer usw. Aber noch immer oder nun erst recht war der Glaube bei den Menschen tief verwurzelt. Auch weiterhin nahmen Kirche und Priester einen zentralen Platz im Leben der Menschen ein. Taufe, Heirat und Bestattung waren feste Bestandteile des religiösen Lebens. Die Kirchenbücher geben bis heute Kunde von der Bedeutung der Kirche im Alltagsleben unserer Vorfahren .

 

          Der Pfarrer und seine Gemahlin (ein evangelischer Gemeindepriester hatte einfach verheiratet zu sein) waren innerhalb ihrer Gemeinde so etwas wie moralische Instanzen, sie mussten immer ein gutes Beispiel abgeben. Der Pfarrer im Dorf hatte sich nicht nur um das Seelenheil Seiner Gemeinde zu kümmern, sondern hatte auch ganz weltliche Kontrollaufgaben, ihm oblag es, durch stetige Kontrolle der Dorfschule für einen regulären Unterricht zu sorgen. Dafür waren die Gläubigen nach alter Sitte der Kirche gegenüber immer abgabenpflichtig. Barsbüttel war seit dem Mittelalter bis 1803 -als sogenanntes Kapitelsdorf- dem Domkapitel zu Harnburg gegenüber verpflichtet, jährlich eine bestimmte Anzahl an Rauchhühnern zu liefern. Die sogenannte Martinsgans, die die Bauern auf den Dörfern irn November direkt beim Pfarrer abzugeben hatten, ist vermutlich das bekannteste Beispiel für die verschiedenen Abgaben.

 

          So war 1876 der Steinbeker Pastor Petersen auch der Vorsitzende des Barsbütteler Schulkollegiums. Aus der Schulchronik für Barsbüttel erfahren wir z.B. dass 1889 beschlossen wurde, einen zweiten Lehrer einzustellen und dass der Pastor Petersen sich um die Durchführung kümmern sollte. "Zugleich wurde beschlossen, daß man von einer Wahl des neuen Lehrers abstehen wolle und die Auffindung und Ansehnung desselben in die Hand des Herrn Schulinspektors Pastor Petersen in Steinbek gelegt werden sollte." (Schulchronik für Barsbüttel, Gemeindearchiv Barsbüttel) Gemeinden, die eine eigene Kirche besaßen, waren der religiöse Mittelpunkt für mehrere Dörfer in der Umgebung

Segenskirche Barsbüttel
Segenskirche © Marisa Frank

Sicherlich nicht neu war der Gedanke, in Barsbüttel eine Kirche zu errichten. Das würde den sonntäglichen Weg zum Gottesdienst für die Barsbütteler erheblich verkürzt haben. Doch erst die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges boten hierzu die Gelegenheit. Denn jetzt war durch die Flüchtlinge aus dem Osten und die ausgebombten Hamburger die Gemeinde so stark angewachsen, dass es durchaus sinnvoll erschien, aus der alten Gemeinde Barsbüttel auch eine eigene Kirchengemeinde zu machen. 1939 zählte die Gemeinde Barsbüttel knapp über 860 Einwohner und 1946 hatte sich die Einwohnerzahl auf über 2300 verdreifacht. Allerdings sollte es noch rund sieben Jahre dauern, bis der Grundstein gelegt werden konnte.

 

          Am 1. März 1954 wurde dann die Kirche in Barsbüttel eingeweiht. Pastor Treutler war der erste Pfarrer in der neuen Gemeinde Barsbüttel.